ÖPNV-Navi
Eine iOS-App, die blinde und sehbehinderte Menschen per Audio und Standortverfolgung durch ÖPNV-Fahrten begleitet
Von Anfang an gemeinsam mit blinden Nutzer:innen gestaltet und getestet, mit VoiceOver als primärem Interaktionsmodell. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung eine der ersten barrierefreien ÖPNV-Navigations-Apps.
Überblick
Das ÖPNV-Navi ist eine iPhone-App, die ich als Abschlussprojekt meiner Berufsausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung konzipiert und entwickelt habe. Sie begleitet blinde und sehbehinderte Menschen durch Fahrten mit Bus und Bahn: Per Standortverfolgung und VoiceOver wird kurz vor der Zielhaltestelle ein akustischer Hinweis gegeben, rechtzeitig genug, um aufzustehen und zur Tür zu gehen.
Zum Zeitpunkt der Fertigstellung war die App meines Wissens nach die einzige ihrer Art, die gezielt für blinde Nutzer:innen entwickelt worden war.
Ausgangspunkt war ein Zeitungsartikel über die Alltagserfahrung einer blinden Person mit dem iPhone. Was mich daran beschäftigte, war weniger die technische Barrierefreiheitsfrage als das konkrete Nahverkehrsproblem: Haltestellenansagen in Hamburger Bussen und Bahnen waren unzuverlässig oder fehlten ganz, und keine App schloss diese Lücke für Menschen, die nicht auf eine Anzeige schauen konnten.
Gestalten ohne Bildschirm
Die eigentliche Herausforderung war nicht technischer Natur. Sie war konzeptionell: Die meisten Interface-Designs setzen voraus, dass sehende Nutzer:innen einen Bildschirm als Ganzes erfassen, räumlich navigieren und gezielt scannen können. VoiceOver-Nutzer:innen erleben Oberflächen dagegen linear, ein Element nach dem anderen, in der Reihenfolge der Accessibility-Struktur. Das zu gestalten ist eine andere Disziplin.
Um zu verstehen, was das in der Praxis bedeutet, begann ich mit Nutzer:innenforschung. Interviews mit blinden iPhone-Nutzer:innen zeigten, wie sie mit VoiceOver umgehen: welche Navigationsmuster sie verwenden, welche mentalen Modelle sie haben, wo sie hängen bleiben. Ein visuell einwandfreies iOS-Layout kann für jemanden, der es per Touch und Audio navigiert, mühsam oder verwirrend sein, wenn die Elementreihenfolge nicht dem logischen Ablauf einer Aufgabe folgt.
Daraus entwickelte ich einen Audio-First-Designansatz:
- Alle nicht-textuellen Elemente (Bilder, Icons, Steuerelemente) bekamen alternative Beschreibungen, die im Kontext wirklich aussagekräftig waren, nicht nur technisch vorhanden.
- Bildschirmlayouts wurden für sequenzielle, lineare Entdeckung strukturiert, nicht für räumliche Anordnung, weil blinde Nutzer:innen keine Vogelperspektive auf eine Seite einnehmen können.
- Wireframes enthielten explizite Notationen der VoiceOver-Interaktionsabläufe, nicht nur visuelle Layouts.
Vom Prototyp zu blinden Nutzer:innen und zurück
Alle zentralen Entwicklungsmeilensteine wurden nicht nur von mir per VoiceOver getestet, sondern von blinden iPhone-Nutzer:innen. Dieser Unterschied ist entscheidend: Wer sehen kann, hat immer eine andere Beziehung zu einem Audio-Interface als jemand, für den es die primäre Eingabemöglichkeit ist. Das Feedback aus diesen Sessions hat das Interaktionsmodell wiederholt verändert: Elementreihenfolgen wurden angepasst, Labels umgeschrieben, die visuell sinnvoll, aber beim Vorlesen mehrdeutig waren, und die Audio-Timings für laute Fahrgastsituationen kalibriert.
Auch die finale Version wurde vor der Veröffentlichung von blinden Nutzer:innen geprüft.
Was die App tut
Fahrgäste geben eine Zielhaltestelle ein. Die App verfolgt während der Fahrt den Standort und gibt kurz vor Ankunft einen akustischen Hinweis, mit ausreichend Vorlauf, um rechtzeitig aufzustehen. Häufig genutzte Haltestellen lassen sich als Favoriten speichern. Während der gesamten Fahrt wird der aktuelle Abstand zur Zielhaltestelle aktualisiert.
Alle Interaktionen sind per Touch-Geste über VoiceOver zugänglich. Die App erfordert keinerlei visuelle Wahrnehmung.
Ergebnis
Das ÖPNV-Navi war zum Zeitpunkt der Fertigstellung eine der wenigen Apps, die gezielt für blinde Nutzer:innen entwickelt worden war und die einzige ÖPNV-Navigations-App ihrer Art. Der Co-Design-Prozess mit blinden Teilnehmer:innen hat zu einem grundlegend anderen Ergebnis geführt, als es eine nachträgliche Barrierefreiheits-Optimierung eines sehenden Designs je hätte sein können.
Das Projekt hat mein Verständnis von Barrierefreiheit als Designdisziplin geprägt, nicht als Checkliste. Die damals entwickelten Prinzipien (lineare Navigation gestalten, Labels mit echtem Bedeutungsgehalt versehen, mit der tatsächlichen Zielgruppe testen) beeinflussen bis heute, wie ich an Barrierefreiheit herangehe, unter anderem in der vollständigen VoiceOver-Unterstützung von ZigHaven.
Die App wurde 2015 aus Zeitgründen eingestellt.
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